"Die Leute fragen mich immer ob ich Tyler Durden kenne."
Woran merkt man, dass man so langsam aber sicher ein alter Sack wird? Genau, man fängt an die Jubileen von Filmen mitzuzählen, die man damals bei Release selbst im Kino gesehen hat. Nun gut, bei "Fight Club" ist das zwar noch ein Jahr bis zum Zehnjärigen, aber das soll mich nicht abhalten bereits heute ein Hoch auf diesen Klassiker auszurufen. Wenn der geneigte Leser "Fight Club" noch nicht gesehen hat sei er gewarnt, dass ich spoilern werde, wie noch nie zuvor gespoilert wurde.

Am besten also Film ausleihen, kaufen oder sonstwie erwerben, dann sehen wir uns hier wieder.
Alles klar? Los gehts!
"Mit einem Pistolenlauf zwischen den Zähnen bringt man nur noch Vokale heraus."
1999 als die Marketingstrategen gerade hübsch an der Jahr 2000 Hysterie schraubten und uns weismachen wollten, dass uns alle Prozessoren an Silvester um die Ohren fliegen würden, hielt ein Film in die Kinosääle Einzug, der mir damals inhaltlich als "Männer prügeln sich zur Selbstfindung" beschrieben wurde. "Klingt nach herrlichem Dünnschiss." dachte ich mir und ging eher widerwillig ins Kino. Diese Zusammenfassung trifft zwar irgendwie zu, aber auch wieder nicht; zu komplex ist der Inhalt als ihn auf ein Sätzchen herunterzubrechen können. Selten werden in Hollywood Filme gemacht, die dermassen dicht erzählt und visuell beeindurckend sind. Das beginnt schon mit dem Vorspann, der den Zuschauer auf die Reise durch den Körper der Hauptfigur nimmt, durch eine Pore an der Nase nach draussen schlüpft, bis zum Mund herunter wandert, dann rückwarts einen Pistolenlauf herauf klettert und bei der Kimme stehen bleibt. Solche Kamerafahrten begegnen uns immer wieder, wenn David Fincher bspw. den Inhalt eines Abfallkorbs analysiert oder zeigt wie die Wohnung des Erzählers in die Luft gesprengt wurde. Dabei begleitet der Soundtrack der Dust Brothers gekonnt das Geschehen.
"Eine kleine Benimmfrage: wenn ich an ihnen vorbei gehe strecke ich ihnen dann den Arsch oder den Schritt zu?"
Moment mal... Erzähler? Ja, das ist eine der Besonderheiten von "Fight Club". Der von Edward Norton gespielte Neurotiker hat im ganzen Film keinen Namen. Nun gut, er hat ständig wechselnde Namen, wenn er in den verschiedenen Selbsthilfegruppen in unterschiedliche Identitäten schlüpft. Aber auch wenn uns der Klappentext weis machen will, er hiesse Jack, so wird er in den Credits als "Narrator" aufgeführt. Sogar auf der Visitenkarte, die er Marla gibt, steht kein Name. Dies soll deutlich machen, dass wir alle der Erzähler sein können. Der Einfachheit halber werde ich Edwards Figur aber im folgenden Jack nennen.
"Marla war eine Elendstouristin."
Jack hat ein großes Problem. Er leidet seit einem halben Jahr unter Schlaflosigkeit und fühlt sich immer mehr wie ein Automat. Roboterartig erledigt er seinen Job als Rückrufkoordinator bei "einem großen Automobilhersteller", wo er von seinem spießigen Vorgesetzten angeödet wird. "Es muss Dienstag gewesen sein. Er hatte die kornblumenblaue Krawatte an." Fernab von sozialen Kontakten mit Menschen, die er Freunde nennen könnte, zog sich Jack immer mehr in seine Wohnung zurück, die für ihn eine Art Ersatzidentität wurde. Die Wohnung ist sein Leben. "Wie viele andere war ich zum Sklaven des IKEA Nestbautriebes geworden." Fincher inszeniert dabei den Streifzug durch Jacks Wohnung wie das Durchblättern eines IKEA Katalogs. Einzelne Möbelstücke werden mit Namen, Beschreibungen und Preis versehen. Schließlich landet Jack bei einem Arzt, der ihm vorhält, wie schlimm es den Männern in der Hodenkrebsgruppe gehe und er sich wegen seiner Schlaflosigkeit nicht so anstellen soll. Hodenkrebsgruppe? Neugierig schaut Jack dort bei dem nächsten Treffen vorbei und hört sich die traurigen Geschichten der "Still Men" Mitglieder an. Dort trifft er auf Bob (Meat Loaf), der wegen einem Hormonungleichgewicht riesige Brüste bekommen hat, "so riesig wie die von Gott sein müssen." In den Zweiergruppen weint sich der eine Mann beim anderen aus. Als Jack endlich los lässt, den Kopf zwischen Bobs fetten Titten, findet er wieder zurück zu einem heilsamen Schlaf. "Alle Hoffnung zu verlieren hiess Freiheit." Jack wurde süchtig und tingelt jeden Abend in eine andere Selbsthilfegruppe, damit er nachts schlafen kann. "Jeden Abend sterbe ich; jeden Abend werde ich wiedergeboren, feiere Wiederauferstehung." Das funktioniert auch wunderbar bis Marla Singer (Helena Bonham Carter) auftaucht und dem selben Hobby frönt. Dummerweise kann er nicht weinen, wenn ein anderer Simulant dabei ist. Und so kehrt die Schlaflosigkeit zurück.
"Wir sind Konsumenten. Der Abfall der allgemeinen Lifestyleobsession."
Schließlich begegnet Jack dem charismatischem Tyler Durden (Brad Pitt) auf einem Arbeitsflug nach hause. Dass etwas kollossal nicht stimmt wird dem aufmerksamen Zuschauer bereits hier klar, denn bevor sich Jack und Durden das erste mal treffen ist Tyler bereits dreimal kurz zu sehen. Jeweils für einen Sekundenbruchteil wird Pitt in der Kopiererszene, beim Arzt und in der Selbsthilfegruppe eingeblendet. Wenn Jack dann im Flugzeug noch überrascht erwähnt: "He, wir haben die gleichen Aktenkoffer!", wird offensichtlich, dass "Fight Club" anders wird als andere Filme. Zu hause angekommen muss Jack feststellen, dass seine Wohnung komplett ausgebrannt ist. Damit vollzieht sich der einhergehende Verlust der Identität. Jack braucht Hilfe. Dass er zuerst die verhasste Marla anrufen will zeigt einmal mehr, dass er keine Freunde oder Verwandte zu haben scheint. Die bessere Wahl ist in seinen Augen Tyler Durden, mit dem er sich dann kurz darauf auch trifft. Tyler übt einen unwiderstehlichen Reiz auf Jack aus, da er all das ist, was Jack sich immer gewünscht hat: ein selbständiges Individuum, das macht worauf es Lust hat, frei von allen Konventionen der Gesellschaft. Jack darf bei Durden wohnen, allerdings unter einer Bedingung: er muss ihn schlagen; so fest er kann. "Was weist du schon über dich, wenn du dich nie geprügelt hast? Ich jedenfalls will nicht dumm sterben." Dieser Schlagabtausch ist die Geburtsstunde des Fight Club. Nachdem sich die beiden die Fresse poliert haben, fühlen sie sich befreit und losgelöst, für Jack wird dies die Ersatzsucht für die Selbsthilfegruppen. Jack zieht dauerhaft bei Tyler ein.
"Lassen Sie mich einige Worte zu Tyler Durden sagen..."
Wer ist Tyler eigentlich? Er ist Seifenhersteller. Er stielt Beutel, prallvoll mit Fett aus Fettabsaugungskliniken und verarbeitet diese zu Seife. Dann verkauft er im Grunde den fetten reichen Weibern ihre Ärsche zurück. Doch ist Tyler ein Multitalent. Er jobbt nachts in mehreren Berufen; als Kellner (pinkelt in die Bowle) oder als Filmvorführer, wenn er "Pimmel in Cinderella" schneidet. Hier bekommt der Zuschauer einen entscheidenden Hinweis, dass nichts in "Fight Club" so ist wie in anderen Filmen. "Das ist das Zeichen (Brandloch in der rechten oberen Ecke) für einen Rollenwechsel und der Zuschauer merkt nichts" Hierzu wird ein zweites Brandloch eingeblendet, das nichts mit der verhergehenden Demonstration zu tun hat.
Tyler lebt in einem baufälligen Haus. "Ich wusste nicht wie Tyler auf dieses Haus gekommen ist. Er sagte er sei schon ein Jahr dort." Moment mal! Hat Jack nicht zu seinem Arzt gesagt, dass er manchmal weggetreten ist und an ganz anderen Orten aufwacht ohne zu wissen wie er da hinkam? Hmmm könnte wichtig sein. "War Tyler Hausbesitzer oder Hausbesetzer? Zugetraut hätte ich ihm beides."
"Wir sind die Generation von Männern, die von Frauen großgezogen wurde - ich bezweifle, dass eine Frau noch die Antwort auf unsere Fragen ist."
Als sich die beiden wieder einmal vor ihrer Lieblingskneipe prügeln werden sie von ein paar Männern beobachtet, die ebenfalls mitmachen wollen. Nach und nach spricht sich herum, dass ein exklusiver Klub für Männer sich etabliert hat und immer mehr wollen in den Fight Club. Mittlerweile trifft man sich im Keller der Kneipe wo man ungestört ist. Doch ein Klub braucht Regeln.
Regel 1: Ihr verliert kein Wort über den Fight Club!
Regel 2: Ihr verliert kein Wort über den Fight Club!
Regel 3: Wenn jemand STOPP ruft, schlapp macht, abklopft oder ein Zeichen gibt, ist der Kampf vobei.
Regel 4: Es kämpfen jeweils nur zwei!
Regel 5: Nur ein Kampf auf einmal!
Regel 6: Keine Hemden oder Schuhe!
Regel 7: Die Kämpfe dauern nur so lange wie sie müssen!
Regel 8: Wer neu ist im Fight Club MUSS kämpfen!
"Lass uns den Schwarzen mitnehmen. Der passt super zu unserer neuen Tapete."